»Ein Koffer, der Reisen, Zeit und Geld spart«

AUDIOMETRIX

Die beiden Schulfreunde Stefan Mathis (li.) und Markus Ströhle gründeten 2020 ihr Unternehmen Audiometrix

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Von Jan-Fabio La Malfa / Fotos: OMNIdirekt, Audiometrix

2020 gründeten Markus Ströhle und Stefan Mathis im österreichischen Dornbirn Audiometrix. Die Mission: Telekalibrierung von Audiometern und Tympanometern. Der Clou: Ein Koffer mit Kalibriertechnik, die sich binnen drei Minuten vom Kunden selbst aufbauen lässt. Ein Gespräch auf der Simma Hütte in Mellau nach dem Skifahren.

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Nach dem Skifahren an der Mellaubahn Bergstation auf 1397 Meter Höhe: Audiometrix-Gründer Markus Ströhle (links) und Stefan Mathis (rechts) sowie Jan-Fabio La Malfa

Herr Ströhle, Herr Mathis, danke für die tollen zwei Tage im Bregenzerwald. Es wirkt, als wären Sie Schulfreunde.

Mathis: Ja, wir waren auf dem gleichen Gymnasium. Nicht in derselben Klasse, aber wir trafen uns ständig auf dem Schulgang. Später begegneten wir uns im Studentenjob wieder, da wir in der gleichen Sparzentrale kommissionierten. Da hat sich unsere Freundschaft gefestigt; in einer Stadt wie Dornbirn mit 50.000 Einwohnern läuft man sich ja zwangsläufig immer wieder über den Weg. Das schafft eine Vertrauensbasis, die für eine Firmengründung essentiell ist.

Aus dem Vorgespräch weiß ich, dass Ihr Weg sie zunächst einmal weit weggeführt hat …

Ströhle: Genau, ich habe an der TU Wien Maschinenbau studiert. Zuvor habe ich EDV-Techniker gelernt und war in Sachen Seilbahnen unterwegs, teils weltweit. Nach dem Bundesheer landete ich bei einer akkreditierten Prüfstelle. Dort haben wir alles Mögliche geprüft: von Fenstern und Fassaden über Brückenbau bis hin zu zerstörungsfreien Werkstoffprüfungen. Irgendwann haben wir dort eine akkreditierte Kalibrierstelle aufgebaut.

Im Grunde können Sie also fast alles kalibrieren?

Ströhle: Für jede physikalische Messgröße braucht man die entsprechende Einarbeitungszeit, das notwendige Budget und das Verständnis. Entsprechend ja, seit 2009 beschäftige ich mich intensiv mit dieser hochspezialisierten Messtechnik.

Herr Mathis, was ging Ihnen bei dem Begriff Kalibrierung durch den Kopf?

Mathis: Natürlich hat es sofort geklickt. Ich bin seit 20 Jahren in der Hörakustikbranche und habe zwölf verschiedene Audiometer von vier Herstellern im Einsatz. Mein Problem war: Ich musste vier verschiedene Wartungsdienste beauftragen, da jeder Hersteller seinen eigenen Service hat. Das war ein logistischer sowie zeitlicher Albtraum. Da Markus das tiefgreifende Know-how in der Kalibrierung hat, und ich das Netzwerk und die Erfahrung in der Branche besitze, haben wir erkannt, dass hier eine riesige Marktlücke klafft.

Hinzu kommen die Kosten für die Kalibrierung.

Mathis: Absolut, dahinter stecken auch Kosten: Pro Audiometer zahlte ich um die 400 Euro – dazu kommen die Kosten für Anreise, Hotel und Spesen der Techniker. Oft sind die Reisespesen höher als der eigentliche Kalibrierprozess vor Ort. Mit zwölf Geräten landet man da schnell bei einer fünfstelligen Summe pro Jahr. Aber der Preis war für mich gar nicht das größte Ärgernis. Viel schlimmer war die Ineffizienz und all die Zeit: Ich wollte einen einzigen Servicetechniker, der alle Audiometer wartet, egal von welchem Hersteller. Aber den gab es in Österreich zu diesem Zeitpunkt einfach nicht.

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Wie kam es zur konkreten Idee für Audiometrix?

Mathis: Auslöser war paradoxerweise Corona. Wir saßen im Lockdown fest und hatten plötzlich Zeit, über solche Probleme zu philosophieren. Als wir im September 2020 mit Abstand in meinem Garten saßen, haben wir den Entschluss gefasst.

Ströhle: Stefan hat das Ganze massiv gepusht. Er wusste genau, was der Markt braucht: Nicht nur die reine Kalibrierung, sondern einen Vollservice inklusive Support, Ersatzteilen und Leih-Audiometer, damit daraus ein echtes Rund-um-sorglos-Paket entstehen kann.

Mathis: Wir mussten hierfür aber erst einmal Hausaufgaben machen und brauchten Manuals, Passwörter und Verträge mit Herstellern. Es hat überdies ein halbes Jahr gedauert, bis Markus sich komplett in die Feinheiten der Hörakustik einarbeiten konnte. Im Dezember 2020 haben wir dann Audiometrix gegründet und starteten in der Folge mit den ersten Wartungen.

Wie konnten Sie ohne irgendetwas starten? Sie hatten doch gerade erst gegründet …

Mathis: Ohne die Unterstützung von Oliver Hahn (Eltecon) wäre das nicht möglich gewesen. Er sah uns nicht als Konkurrenz, sondern als notwendige Ergänzung für den österreichischen Markt, den er allein von Siegen aus gar nicht abdecken konnte. Ebenso unverzichtbar waren später die erhaltenen Forschungsförderungen aus EU-Mitteln.

Wie kann man sich einen Umstieg von Seilbahnen und Brücken auf feine Audiometer vorstellen?

Ströhle: Die reine Messtechnik und die Normen sind sehr gut dokumentiert. Das ist relativ leicht. Die Herausforderung liegt eher in der Praxis: Wie sieht der Alltag beim Akustiker aus? Wenn die Software hakt oder Symbole nicht passen, will der Kunde keine theoretischen Abhandlungen, sondern sofortige Hilfe. Diesbezüglich brauchte ich erst einmal ein paar Erfahrungen.

Mathis: Markus ist ein echter Problemlöser. Er hat zum Beispiel festgestellt, dass viele PCs in den Messkabinen durch ihre Lüfter zu laut für präzise KL-Messungen waren. Also hat er kurzerhand eigene, lüfterlose PCs entwickelt. Wir haben dann angefangen, nicht nur zu warten, sondern auch Hardware zu verkaufen – von Herstellern wie Inventis, Auditdata oder Natus.

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Die beiden Schulfreunde Stefan Mathis (li.) und Markus Ströhle gründeten 2020 ihr Unternehmen Audiometrix

Aber wie sind Sie auf die Idee mit dem Koffer gekommen?

Ströhle: Es war die logische Konsequenz aus der Ineffizienz im Außendienst. Ich saß oft stundenlang im Auto für einen einfachen Kabelbruch. Daher wollten wir ein System entwickeln, bei dem wir nicht mehr sinnlose Kilometer fressen müssen. Das Problem: Wenn man nur ein Teil tauscht – etwa einen Kopfhörer –, ist die Kalibrierung des Gesamtsystems erloschen, da man immer die gesamte Messkette vom Drehregler der Software bis zum finalen Output am Wandler kalibriert.

Mathis: Wir haben einen Weg gefunden, diesen Prozess so sicher zu gestalten, dass der Kunde ihn vor Ort mit minimalem Aufwand selbst vorbereiten kann. Das Herzstück ist unser spezieller Kalibrierkoffer, der die Labortechnik zum Kunden bringt.

Wie funktioniert dieser Prozess konkret und kann das wirklich jeder Laie bedienen?

Ströhle: Ja, der Prozess ist absolut nutzerfreundlich gestaltet. Der Kunde erhält eine Kurzanleitung mit sechs einfachen Schritten. Er muss eigentlich nur das Stativ aufbauen, das Mikrofon positionieren und die beschrifteten Klinkenstecker einstecken. Den Rest erledigen wir per Fernwartung aus unserem Labor. Während des gesamten Aufbaus sind wir telefonisch verbunden und haben vollen Zugriff auf den Bildschirm des Kunden.

Mathis: Der Zeitaufwand für das Personal vor Ort schrumpft von anderthalb Stunden auf etwa drei Minuten. Die eigentliche Kalibrierung dauert zwar immer noch ihre Zeit, aber in dieser Zeit kann der Akustiker bereits wieder Kunden bedienen. Wir sind zudem viel flexibler: Wenn ein Mitarbeiter krank ist, verschieben wir den Termin einfach kurzfristig. Der Koffer steht ja bereits beim Kunden und ist einsatzbereit.

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Gibt es keine Bedenken hinsichtlich der Messgenauigkeit, wenn Sie selbst nicht vor Ort sind?

Ströhle: Im Gegenteil. Ich würde sogar behaupten, dass wir einen Tick sicherer unterwegs sind als der herkömmliche Vor-Ort-Service. Wir kompensieren systematisch alle Umwelteinflüsse: Temperatur, Luftfeuchtigkeit und sogar den barometrischen Luftdruck. Denn allein schon die Höhe hat einen massiven Einfluss auf die Empfindlichkeit der Wandler.

Mathis: Wir haben das mal in Wien auf dem Donauturm in 250 Metern Höhe getestet – die Unterschiede sind signifikant. Entsprechend kritisch ist das Thema Akklimatisierung. Der Koffer muss sich an die Raumtemperatur anpassen, um Kondensatbildung an den empfindlichen Mikrofonen zu vermeiden.

Ströhle: Deshalb ist der Koffer gesichert. Den Code bekommt der Kunde erst am Telefon von uns, wenn wir sicher sind, dass das Gerät thermisch stabil ist. Wir haben den gesamten Prozess so validiert, dass er allen Normen wie der EN 60645 entspricht. Auch die subjektive Prüfung – also das Abhören auf Knacken oder Rauschen – führen wir über spezialisierte Fernwartungsverfahren durch.

Und durch das Aufsplitten des Kalibrierprozesses in zwei Teile kann auch nichts passieren?

Ströhle: Alles, was schwierig ist – also Erfahrung, Know-how an Kuppelvorgänge, Messungen, Kräftemessungen, Kopfbügel etc. – passiert im Vorhinein. Alles, was der Kunde vor Ort machen muss, ist maximal das Stativ aufzubauen, Freifeld-Mikrofon zu positionieren sowie die Klinkenstecker zu montieren. Das Komplizierte oder das, was man dem Kunden nicht zumuten kann, haben wir ausgelagert, da der Rest vorab gemacht wird.

Was entgegnen Sie Skeptikern, die befürchten, dass beim Aufbau vor Ort etwas schiefgeht?

Ströhle: Unser Fern-Operator arbeitet eine strikte, qualitätsgesicherte Checkliste ab. Wir führen Plausibilitätsprüfungen durch und nutzen Prüfschallquellen, um die gesamte Messkette zu kontrollieren. Wenn ein Stecker falsch sitzt oder die Werte um nur 1 dB abweichen, wird das System die Freigabe verweigern. Solche minimalen Abweichungen sind tückisch, weil sie dem menschlichen Gehör nicht auffallen, aber die Messergebnisse verfälschen. Beim Koffer ist die Überwachung engmaschiger als bei vielen manuellen Vor-Ort-Messungen.

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Audiometrix bietet zwei Varianten des Telekalibrier-Koffers – einen großen und einen kleinen

Gibt es verschiedene Versionen dieses Koffers?

Ströhle: Ja, wir differenzieren hier. Es gibt die große Variante mit Kalibrierung von Luftleitung, Knochenleitung und Freifeld inklusive Messboxen und In-situ-Optionen. Und es gibt einen kleineren Koffer für HNO-Ärzte oder Akustiker in anderen Ländern mit unterschiedlichen Standards als schnelles Support-Tool bei Ausfällen. Wenn einem Akustiker in einer abgelegenen Region ein Kopfhörer kaputtgeht, schicken wir den kleinen Koffer per Express. Das ist ökologisch und ökonomisch viel sinnvoller, als wenn ein Techniker den ganzen Tag im Auto sitzt, nur um ein Ersatzteil einzustecken.

Für wen ist dieser Koffer gedacht? Nur für den kleinen Akustiker auf dem Land?

Mathis: Das war die ursprüngliche Idee. Aber wir waren selbst überrascht: Inzwischen kommen große Ketten, Einkaufsgemeinschaften und sogar die Hersteller selbst auf uns zu. Das Problem der verstreuten Filialen und der hohen Reisekosten trifft ja jeden. Das haben wir so am Anfang gar nicht gesehen. Wir betreuen derzeit bereits Gebiete in ganz Österreich und Süddeutschland. Team und Partner-Netzwerk können wir bei Bedarf schnell skalieren. Denn jeder, der ein Audiometer betreibt, profitiert von dieser Zeitersparnis.

Zielen Sie auch auf internationale Märkte ab?

Mathis: Schon, auch da das Interesse aus dem Ausland besonders hoch ist. Wir präsentieren uns dieses Jahr daher auch auf der American Academy of Audiology in den USA. Die regulatorischen Anforderungen sind dort zwar anders, aber die logistische Problematik ist dort dieselbe.

Ströhle: Unsere Vision ist es, Partner im Ausland zu finden, die wir mit unserem Know-how und unseren Lizenzen ausstatten. Wir können nicht 1.000 Koffer selbst von Vorarlberg aus verwalten, aber wir können die Technologie, die Patente und die Labor-Infrastruktur bereitstellen. Aktuell haben wir nur zwölf Koffer im Umlauf, streben aber eine schnelle Aufstockung auf 100 bis Jahresende an.

Wenn Sie Ihre Dienstleistung in drei Worten zusammenfassen müssten, welche wären das?

Mathis: Es ist ein Koffer, der Reisen, Zeit und Geld spart. Es ist eine echte Win-win-Situation. Der Akustiker hat minimale Ausfallzeiten, wir arbeiten hocheffizient im Labor, und die Umwelt profitiert durch wegfallende Fahrten. Jeder Akustiker kann uns ab sofort ansprechen – wir haben die Technologie, die Patente und die Leidenschaft, die Hörakustik digitaler und effizienter zu machen.

Herr Mathis, Herr Ströhle, vielen Dank für das Gespräch.