Von Martin Schaarschmidt (HörPartner) / Fotos: Schaarschmidt
»Wie ein Blumenstrauß für die Ohren«
»Durch das Erlebnis, nicht mehr hören zu können, nehme ich heute viel bewusster wahr«, sagt Erich Meyer (80), den wir im Fachgeschäft der HörPartner in Berlin-Spandau trafen. Er erzählte uns von seinem Weg zum besseren Hören.

Herr Meyer, Sie leben seit sieben Jahren mit Hörgeräten. Wie kam es dazu?
Dass ich schlecht hörte, ging schon so fünf Jahre. Das ist ja ein schleichender Prozess. Lange schob ich das auf die Bundeswehr; dort hatte ich mal ein Knalltrauma. Ich habe vieles nicht mehr gehört – den Wecker, die Türklingel. Und ich war schnell ausgelaugt, bei Feiern zum Beispiel. Dann sagt man: »Es ist schon spät, wir müssen nach Hause …« Ich habe mich lange mit meinem Hörverlust arrangiert, viele Bücher gelesen, diverse Kopfhörer angeschafft, eine neue Türklingel gekauft. Bei der bellte immer der Hund, und den hab ich gehört. Zum Teil ist es sogar angenehm, nicht zu hören. Auf das Geräusch von klapperndem Geschirr kann ich verzichten. Und in Gesellschaft lacht man eben mit, auch wenn man nicht weiß, worüber. Man will sich nicht die Blöße geben. Und dann kommt der Moment, in dem man merkt, jetzt wird es peinlich. Also kapselt man sich ab – nicht nur von der Partnerin und von anderen Menschen, sondern auch von ganz vielen Dingen.
Hat Ihre Frau Ihren Hörverlust angesprochen?
Nein, nie. Vielleicht hat sie sich nicht getraut. (Lacht.) Ich hingegen habe ihr oft gesagt: »Kannst du mal etwas lauter sprechen?« Die große Gefahr ist, dass die Beziehung Schaden nimmt, weil man die Kommunikation auf das Notwendigste beschränkt. Dann denkt sie vielleicht: »Meine Kollegen verstehen mich, aber mein eigener Mann nicht.« Sowas ist natürlich schrecklich. Man muss aufpassen, dass man nicht total vereinsamt.
Was brachte Sie dazu, dagegen anzugehen?
Das war meine Enkelin. Sie war damals fünf und fragte eines Tages: »Opa, bist du schwerhörig?« Kindermund tut Wahrheit kund. Sie war zu Besuch und hatte mir schon dreimal gesagt, dass sie Hunger hat. Doch ich hatte nichts mitbekommen. Das war so ein Moment des Erschreckens. Auf einmal geht man in sich und weiß: So geht das nicht weiter! Dann habe ich erstmal einen Online-Hörtest gemacht. Es war ein frustrierendes Ergebnis. Ich ging zum Ohrenarzt, der einen Hochtonsteilabfall diagnostizierte, und dann zu den HörPartnern. Zu denen kam ich, weil die Website freundlich aussah, und weil mir ein Verwandter sie empfohlen hatte. Der Hörakustiker hat ausgiebig mit mir gesprochen. Er hat noch mal genau gemessen, mir verschiedene Geräte vorgestellt und die Funktionen erläutert.
Was war Ihnen bei der Auswahl der Geräte wichtig?
Wichtig war mir damals schon, dass ich sie auch über das Handy steuern kann. Da bin ich so ein bisschen Computer-interessiert. Und der Sound war mir wichtig; dass ich wieder verstehe. Als ich zum ersten Mal mit den Geräten auf die Straße ging, bin ich fast erschrocken. Ich habe die Lautstärke erstmal reduziert. Doch dann ging es auf Entdeckungstour: Mit dem Fahrrad durch den Wald. Damit der Fahrtwind nicht so stört, hatte ich ein Tuch über den Geräten. Und dann im Wald die Naturlaute – die Vögel, das Rauschen in den Bäumen, die Kiesel unter den Sohlen … Das Hören mit den Geräten war wie der Wechsel von einem Kofferradio aus den 60er Jahren auf eine HiFi-Anlage. Die Technik ist fantastisch. Die Gespräche mit meiner Frau wurden wieder intensiver. Ich konnte wieder ganz anders reagieren. Das macht natürlich auch Spaß. Irritierende Situationen gab es nicht mehr. Mein Tinnitus verschwand. Und ich habe wohl wieder deutlicher gesprochen. Auch meine eigene Stimme hatte ich vorher nicht mehr so gehört.
Sie tragen Hinter-dem-Ohr-Geräte?
Ja, und mit Otoplastiken. Anfangs war das ein bisschen komisch, wie mit neuen Zähnen. Man muss sie länger tragen, um sie nicht mehr zu spüren. Ich habe meine Geräte von Anfang an viel getragen. Heute nehme ich sie nur noch zum Schlafen raus. Und wenn ich am Tag allein zu Hause bin, genieße ich auch mal die Ruhe. Wenn ich Staub sauge, muss ich das nicht hören. Aber wenn ich Musik höre, setze ich sie ein. Dann merke ich gleich wieder den Unterschied und kann mich daran freuen.
Wie haben Sie Ihrer Enkelin die Hörgeräte erklärt?
Das war relativ einfach. Man nimmt das Gerät: »Guck mal, das ist ein Hörgerät. Willst du mal hören?« – »Oh ja!« – Man hält es ihr vorsichtig ans Ohr, damit sie es wahrnehmen kann. Und dann war das Erstaunen groß: »Opa, das ist aber laut!« Auch sonst bin ich gleich ziemlich offen mit meinen Geräten umgegangen und habe sie anderen gezeigt. Ein Kollege aus dem Chor bekam gerade auch welche.
Sie singen im Chor?
Ja, Bass im Kirchenchor von Staaken-Gartenstadt. Falsch gesungen hatte ich durch meinen Hörverlust übrigens nicht, zumindest hat das nie jemand gesagt. Schwierig wurde es nur, wenn der Chorleiter ansagte, welches Lied wir singen. Da musste ich immer beim Nachbar gucken … Ich war ignorant mir selbst gegenüber. Und ich habe auf vieles verzichtet. Was brauche ich denn Hörgeräte – mit knapp 70?! Erst nach dem Erlebnis mit der Enkelin bin ich in mich gegangen. Und es wurde eine spannende Geschichte: Durch das Erlebnis, nicht mehr hören zu können, nehme ich heute viel bewusster wahr – Geräusche, die man vorher nicht vermisst hat, das Plätschern des Wassers oder den Klang von Weingläsern. Ja, Rotwein mit einem Stück Käse; vielleicht zum Mozart! Oder das Knarzen der Dielen im Haus. Das Knacken vom Lichtschalter. Und das Rauschen der Toilettenspülung. Holla, die Waldfee! Da dachte ich erstmal: Was ist das denn?! All diese Dinge sind jetzt wieder da. Und sie rufen mir auch ins Gedächtnis, wie es früher war.
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Die wiedergewonnenen Geräusche versetzen Sie in frühere Zeiten?
Auf jeden Fall, ja. Das ruft plötzlich was hervor. Fantasien, Träume – da spielt sich sehr viel ab. Man kommt zurück in die Kindheit, sieht etwas. Ich bin sehr auf Bilder orientiert. Nach der Schule habe ich Bau- und Möbeltischler gelernt, und wenn ich heute irgendwo Holz rieche, dann sehe ich die alte Werkstatt vor mir. Und in »Bilder einer Ausstellung« von Mussorgski gibt es diese Triangel. Wenn ich die jetzt wieder höre, macht mich das glücklich; dann sehe ich das Tor von Kiew. Es ist doch wichtig, dass man sich erinnert. Mit der Gegenwart hat man in meinem Alter gewisse Schwierigkeiten. Aber die Vergangenheit zählt doch auch. Die ist vielleicht stärker präsent als die Zukunft. Im Alter lernt man nicht mehr so viel Neues. Dadurch vergeht die Zeit viel schneller. Aber wenn man neu hört, kommt man auf eine andere Zeitschiene. Es ist anders, als wenn man nur noch im Sessel hockt. All die kleinen Geräusche waren vorher wie weggewischt. Heute kann ich sie genießen – wie einen Blumenstrauß.
Viele beachten solche Alltagsgeräusche kaum?
Aber mich versetzen sie nun in Erstaunen. Das verjüngt auch. Hoffentlich verlernt der Mensch nicht dieses Erstaunen! Und diese kleinen Dinge sind Teil meiner Philosophie. Ich war Krankenpfleger und habe eine Station für Patienten mit schweren Schädel-Hirn-Verletzungen geleitet. Dort lagen Menschen, die sich eigentlich nicht mehr äußern konnten. Man spricht sie immer wieder von der Seite an, probiert etwas und beobachtet: Kommt eine Reaktion? Man entwickelt eine Sensibilität für Kleinigkeiten, für nonverbale Zeichen. Ich hatte mal einen Patienten, Willi, mit einer schweren Multiplen Sklerose. Er konnte sich nicht mehr bewegen. Und für ihn war es das Schönste, wenn man seine Hand nahm und mit den Spitzen seiner Finger über sein Gesicht strich. Ein ganz kleiner Impuls; aber für ihn eine ganz große Wirkung. Auch Musik kann so eine Wirkung haben. Menschen mit einer Sprechstörung zum Beispiel können Lieder singen. Sprechen sie, versteht man sie kaum. Aber wenn ich mit meinem Akkordeon kam und Volksweisen gesungen habe, dann sangen sie mit. Die Lieder kannten sie alle. Und sie waren in der Lage, Worte wiederzugeben – als Gesang. Das funktioniert über ein anderes Hirnareal. Auch bei Menschen mit Demenz funktioniert es.
Wie lange waren Sie Krankenpfleger?
30 Jahre. Mit 65 habe ich aufgehört – für ein Vierteljahr. Dann saß ich zu Hause und dachte: Du bist nichts mehr wert. Also habe ich ins Internet geschrieben: »Krankenpfleger, schwerste Schädel-Hirn-Verletzungen …« Eine Woche später kam das erste Angebot. Ich habe dann drei Jahre für eine Leasing-Firma gearbeitet – in ganz unterschiedlichen Krankenhäusern. Auch das war hochinteressant. Danach habe ich noch zwei Jahre bei einem ambulanten Pflegedienst geholfen. Dann fand ich: Jetzt ist mal Schluss. Heute organisiere ich noch ein bisschen in der Kirche mit. Ich lese viel und schreibe – Märchen, Liebesgedichte und anderes. Ich bin in einer Fahrradgruppe und in einer Motorradgruppe – bei den »Runzel-Rockern«. Inzwischen sind dort alle älter geworden. Aber wir waren sehr aktiv, haben das Dach der Kirche vom Moos gesäubert usw.
Sie fahren noch Motorrad?
Ja, Suzuki Intruder Chopper. Das ist so ein mittelgroßes Teil, fast zu schwer. Ich muss gucken, dass ich damit nicht umfalle. Die hat eine Kardanwelle und fährt mit 120 noch relativ ruhig. Letztens bin ich mal 160 gefahren. Aber dann muss man den Lenker ganz schön festhalten, vor allem bei Wind. Das fahre ich nur über kurze Strecken.
Sehen Sie sich eher als einen anspruchsvollen Hörgeräte-Nutzer?
Wenn ich an die Musik denke, würde ich das schon sagen. Ich höre viel Beethoven, Mozart, Mussorgski, aber auch Elton John, Pink Floyd oder Blues. Ich habe eine Stereoanlage mit getrenntem Verstärker, Vorverstärker usw. Und ich höre nach wie vor Schallplatten, weil das ein besonderes Erlebnis ist. Dann pinsele ich den Staub von der Platte, lege den Hebel um und der Plattenspielerarm senkt sich langsam ... Das ist wie eine Vorbereitung aufs Hören. Aber ich höre auch Spotify. Nur Musikstreaming in die Hörgeräte nutze ich nicht. Für Telefonate ist das Streaming aber prima.
Sie haben sich gerade neue Hörgeräte gekauft?
Ja, weil ich fand: Jetzt musst du mal wieder was machen, damit dir der Genuss des Hörens erhalten bleibt. Bei meinen vorherigen Geräten störten mich ein paar Dinge: Die Batterie war relativ schnell alle, das Bluetooth gefiel mir nicht so. Dann sah ich auf YouTube neue Geräte mit genau den Verbesserungen, die mir fehlten. Bluetooth geht bei meinen jetzt mit ganz verschiedenen Handys. Und ich habe Akkus; das ist relativ praktisch. Ich stecke die Geräte einfach über Nacht in die Ladestation. Ich höre jetzt sogar das Knirschen, wenn ich durch Schnee laufe. Das ist eine Sinfonie für sich, Donnerwetter! Aber vielleicht hatte ich das mit den alten Geräten nur nicht gehört, weil bei uns selten Schnee liegt.
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Was ist denn wichtig beim Hörgerätekauf?
Zuerst einmal sollte man darauf achten, an wen man kommt. Heutzutage wird man von allen Seiten mit Werbung zugeschüttet. Aber es muss sich ein Vertrauensverhältnis entwickeln. Also sollte man ruhig bei mehreren Akustikern gucken. Ich schaue mir auch Bewertungen an. Aber vor allem sollte man hinterfragen, ob das, was einem erzählt wird, tatsächlich so ist – oder nur Geschäftemacherei. Bei den HörPartnern ist das optimal, würde ich sagen. Da hat sich so eine Verbindung hergestellt, ein sehr gutes Verhältnis. Meine Akustikerin hat sich Zeit genommen bei der Prüfung. Und sie hat sich genau erkundigt, welche Funktionen ich möchte. Die Einstellung war ganz hervorragend. Auch später wurden die Geräte immer mal nachjustiert. Und ich konnte erstmal verschiedene Geräte probieren. Das sollte man auch. Nur ist dann die Frage: Beginne ich beim Testen mit den teuersten Geräten oder nehme ich die billigen und steigere mich dann?
Wie haben Sie das gelöst?
Ich musste an Schmerztherapien denken. Da ist es unsinnig, wenn man mit der niedrigsten Dosis beginnt und dann steigert. Dann kommt keine Wirkung, weil sich der Körper zu schnell gewöhnt. Natürlich nimmt man auch nicht gleich die höchste Dosis. Also habe ich beim Hörgerätetest im mittleren Segment begonnen. Wobei ja auch die Frage ist, welches Budget man hat. Ich habe für mich entschieden, dass ich nicht die teuersten Geräte brauche. Aber ich dachte auch: Leg lieber noch ein bisschen was drauf, sonst ärgerst du dich später ständig, dass du 200 Euro sparen wolltest. Jetzt bin ich begeistert. Es wurde alles so angepasst, wie ich es mir vorstellte. Und wenn was ist, kann ich immer kommen. Einmal hatte ich in meinem linken Ohr eine Druckstelle. Als ich kam, hieß es gleich: »Herr Meyer, da gucken wir mal.« Ja, da war eine Stelle. Ich bin dann zum HNO-Arzt und bekam eine Salbe. Eine Woche lang habe ich links kein Hörgerät getragen, damit alles abheilt. Dann meinte mein Hörakustiker: »Ich nehme an Ihrer Otoplastik oben ein bisschen was weg.« Seitdem null Probleme, alles hervorragend.
Herr Meyer, vielen Dank für das Gespräch.